Über mich und warum ich hier bin
Schön, dass du hier bist. Dieer Blogpost erzählt dir etwas über meinen Lebensweg und meine Beweggründe.
Sturm- und Drang-Zeit
Mein Leben zählte noch keine 16 Jahre, als ich die Schule mit der mittleren Reife verließ. Einerseits war das für mich ein Segen, denn das Schulsystem passte einfach nicht zu mir. Andererseits war das auch ziemlich jung, um zu wissen, was ich für die nächsten 50 Jahre meines beruflichen Lebens tun wollte. Da ich absolut keinen Plan hatte, wohin meine Reise gehen sollte, schloss ich mich ohne großes Überlegen einer Freundin an, der es ähnlich ging. Ich trat die höhere Handelsschule an. Dort lernte ich eine Menge über T-Konten, Rechnungswesen und 10-Finger-Schreiben. Ich kann nicht behaupten, dass sich das wie meine Erfüllung anfühlte und danach war ich immer noch jung und genauso planlos.
Es folgte also ein soziales Jahr in einer Kita—eine wunderbare Erfahrung und ein riesiger Schritt in meiner persönlichen Entwicklung. Diese Kinder eroberten mein Herz. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich eine so reine, offene Verbindung—ohne Vorurteile, ohne Schubladen. Ich liebte diese Kinder, diese Zeit, dieses Team. War ich mir vorher sicher, dass ich niemals eigene Kinder wollte, so sicher war ich hinterher, dass ich unbedingt eigene Kinder wollte.
Das Jahr ging schnell zu Ende, und ich schrieb Bewerbungen in verschiedene Richtungen. Sollte es in die Kita gehen oder ins Büro? Am Ende hatte ich eine Zusage von der Schule, die Sozialassistenzen ausbildet (zwei Jahre, unbezahlt, Bedingung für eine dreijährige Erzieherinnen-Ausbildung), und eine Zusage vom Kreisausschuss meines Landkreises. Die Argumente für den öffentlichen Dienst—solide, sicher, bodenständig und ein guter Verdienst—überzeugten meine Mutter. Meine Mutter überzeugte mich. So nahm das Elend seinen Lauf.
Gelangweilt und des eigenständigen Denkens beraubt (Denken war im öffentlichen Dienst ungern gesehen), schaffte ich es über die magische Prüfungs-Ziellinie. Ausbildung: Check! Rückblickend glaube ich, dass die Möglichkeit, die Dauer meiner Ausbildung um ein Jahr verkürzen zu können, mich gerettet hat. Möglicherweise hätte ich sonst vorher schlapp gemacht. In der Hoffnung, es würde nun alles besser, blieb ich dort. Tatsächlich war es etwas besser. Nachdem ich während der Ausbildung zur Jugend- und Auszubildendenvertretung gewählt wurde, konnte ich mich als Angestellte damit rühmen, zum Betriebsrat gewählt worden zu sein.
"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen"
Dennoch hatte meine Zeit dort ein Ablaufdatum. Ich musste weg, ich wollte mehr.
„Mehr“ ging ohne Abitur nicht so richtig gut. Deswegen holte ich die Hochschulreife nach. Dreieinhalb Jahre Abendschule. Tagsüber arbeiten, abends im Klassenraum pauken, während die Freunde den Feierabend beim Grillen genießen. Es war hart, aber ich blicke mit großer Dankbarkeit auf diese Jahre zurück. Als Erwachsene sah ich mit einem anderen Blick auf den Unterrichtsstoff. Plötzlich hatte ich Zugang zu Politik, Literatur und Geschichte. Chemie wuchs mir ans Herz, und meine Banknachbarinnen sind mir bis heute als liebe Freunde geblieben.
Ungefähr in der Halbzeit meiner Abiturkarriere brach dann meine Welt zusammen. Ich verlor meine Freiheit, meine Zukunft, alles, was ich mir ausgemalt hatte, lag als Scherbenhaufen vor meinen Füßen. Jedenfalls fühlte es sich in diesem Moment so an: Ich war schwanger. Glücklicherweise besiegte die Freude den Schock schnell, und ich konnte meine Schwangerschaft mit Entzücken genießen.
Mein Bauch war zu einer wunderbaren Kugel herangewachsen, als ich mich auf der Beerdigung meiner lieben Tante wiederfand. Da stand ich, voller Trauer und voller Leben, auf der Beisetzung einer Toten. Ich bekam Glückwünsche und Beileidsbekundungen gleichzeitig. Untrennbare Gefühle schwappten gegen die Bordwände meines Körpers. Berührt vom Leben und vom Tod im gleichen Augenblick. Niemals wird einem der Kreislauf des Lebens bewusster als in einem solchen Moment. Schmerzlich schön. Eine Seele geht aus unserem Kreis, eine neue darf kommen. Leben und Tod, essenziell und untrennbar miteinander verbunden. Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Damals wurde der Grundstein gelegt für das, was ich heute mache. Meine Wege führten mich allerdings vorher über viele andere Stationen. Nach dem Abitur und trotz Baby begann ich mein Psychologie-Studium. Ich wollte weitere Kinder, und es folgte eine erneute Schwangerschaft. Wieder stand ich, voller Trauer und voller Leben, auf der Beisetzung einer Toten. Kaum zu glauben: Meine andere Tante war gestorben. An dieser Stelle erinnere ich erneut an den Kreislauf des Lebens. Innerhalb von zwei Jahren nahm mir das Universum meine zwei geliebten Tanten und schenkte mir zwei geliebte Töchter.
Auf der Suche nach meiner Berufung wurde ich unter anderem Lehrkraft, Sozialarbeiterin, Wildnispädagogin, Ausbilderin, Programmiererin, und schließlich Geschäftsführerin einer Softwarefirma. All das war gut und richtig, aber nichts davon sollte das Ende meiner beruflichen Reise sein. Obwohl ich mittlerweile alleinerziehend war, entschied ich mich für den Befreiungsschlag in Form einer Kündigung. Raus aus meinem Vollzeitjob, raus aus dem Hamsterrad des Kapitalismus. Ich musste aufhören, nur um des Geldes willen zu arbeiten. Ich musste etwas Sinnvolles tun.
Offenbar ließ das Thema "Tod" mich nie los, denn ohne großes Überlegen nutzte ich meine neu gewonnene Zeit und begann die Ausbildung zur Hospiz- und Trauerbegleiterin. Ich durfte von wunderbaren Anleiterinnen lernen und spüren, dass ich am richtigen Ort war. Mein Weg musste in diese Richtung gehen.
Fast zeitgleich schickte mir der Himmel eine liebe Freundin, die ihre Berufung in der Geburtsbegleitung fand. Seit über zwei Jahrzehnten begleitet sie als reisende Hebamme Hausgeburten auf der ganzen Welt. Diese großartige Frau nahm mich unter ihre Flügel. Ich durfte von und mit ihr lernen, und so begann auch meine Reise in die Welt der Geburtsbegleitung. Heute begleite ich Menschen ins Leben hinein und aus dem Leben hinaus. Die Unterstützung durch die Phasen von Leben und Tod ist für mich eine tief empfundene Aufgabe. Ich bringe meine Fähigkeiten und meine Empathie in diese Arbeit ein, ich kann die Menschen die sich mir anvertrauen unterstützen und tragen.
Wieder berührten mich der Tod und das Leben zur gleichen Zeit. Ich glaube nicht an Zufälle. So bin ich jetzt hier - zur rechten Zeit, am rechten Ort - und erfülle meine Bestimmung mit allem, was ich bin und allem, was ich geben kann.